Universität Bayreuth stiehlt sich aus Verantwortung im Fall Guttenberg

07.05.2011

Die Universität Bayreuth hat bezüglich des Guttenberg-Falles eine Stellungnahme zu ihrem Untersuchungsbericht veröffentlicht.

Darin heißt es:

Die Kommission, (…), kommt darin [in dem Untersuchungsbericht, Anm. des Autors] zu dem
Ergebnis, dass der Vorwurf eines vorsätzlichen wissenschaftlichen
Fehlverhaltens berechtigt ist.

Außer hartnäckigen Fans war das natürlich schon längst jedem klar, denn die im GuttenPlag-Wiki zusammengetragenen Beweise waren überwältigend. Guttenberg hätte die Vorwürfe höchstens noch mit einer jahrelangen Unterzuckerung erklären können.

Wesentlich interessanter ist jedoch Folgendes:

Die Kommission hat im Fall zu Guttenberg auch das konkrete
Promotionsverfahren untersucht und eine Mitverantwortung des
Doktorvaters und des Zweitgutachters für das wissenschaftliche
Fehlverhalten von Herrn zu Guttenberg verneint. Sie stellt allerdings
fest, dass die Benotung der Doktorarbeit mit dem Prädikat „summa cum laude“ einer ausführlicheren Begründung bedurft hätte. Die
Gutachten gäben nicht genügend Aufschluss darüber, welches die
hervorstechenden Thesen oder die besonderen Ergebnisse der Arbeit
seien, derentwegen die Vergabe der Höchstnote gerechtfertigt
erschien.

Dass die Plagiierung nicht erkannt wurde, läge also einzig und allein im Verschulden Guttenbergs, die Bildungseinrichtung, die die Doktorarbeit geprüft hat, sei frei von Fehl. Einzig die Vergabe der Höchstnote habe Spuren von Fragwürdigkeit und hätte „ausführlicher begründet“ werden müssen.

Das ist natürlich grotesk. Wäre es ein geschickt verschleiertes Plagiat gewesen, könnte man der Universität diese Aussage uneingeschränkt abnehmen, aber bei der groben Vorgehensweise Guttenbergs, der aus der Arbeit seines Doktorvaters abschrieb und Zeitungsartikel, z.B. aus der FAZ, verwurstete, klingt das unglaubwürdig. Immerhin waren die am offensichtlichsten plagiierten Stellen schnell zu finden, was die ganze Geschichte überhaupt erst ins Rollen brachte.

Aber was kann die Universität schon tun? Würde sie als Ergebnis präsentieren, dass die Prüfung schlampig durchgeführt worden ist, würden die Arbeiten aller Doktoren, die dort promoviert haben, herabgesetzt und ihr Ruf als Bildungseinrichtung würde erheblich leiden. Insofern ist eigentlich absurd, dass ausgerechnet eine Organisation, die ein großes Eigeninteresse an einem bestimmten Ausgang der Untersuchung hat, diese durchführt. Das soll natürlich nicht heißen, dass die Prüfung der Dissertation tatsächlich nur halbherzig stattfand, aber dennoch sollte stattdessen besser eine neutrale Stelle dafür zuständig sein.

Auch die zweite Feststellung hat es in sich – die Note „summa cum laude“, also die bestmögliche, bedürfe zumindest einer „ausführlicheren Begründung“. Um eine echte Kritik der Qualitätsanforderungen handelt es sich nicht. Doch ernsthaft – eine zusammenkopierte Arbeit aus Versatzstücken soll die Höchstnote erreichen? Ich weiß nicht, ob Guttenbergs Dissertation auch an allen anderen Universitäten eine solche Note erhalten hätte, aber am System muss auf jeden Fall etwas geändert werden. Denn falls nicht, fehlt definitiv ein Mechanismus, der für einen einheitlichen Standard sorgt und solche abweichenden Noten verhindert, und falls doch, so ist der Zustand der Rechtswissenschaft so desolat, dass sie nur noch Rechts„wissenschaft“ geschrieben werden sollte.

Meine ganz eigene, persönliche Vermutung ist, dass sie hauptsächlich dazu dient, aktiven oder zukünftigen Berufspolitikern akademische Grade zu verschaffen, die ihnen einen intellektuellen/wissenschaftlichen Anstrich verleihen und den Eindruck erwecken soll, sie hätten tatsächlich in ihrem Leben etwas Größeres geleistet.

Meine Prognose: Es wird gar nichts passieren. Das Verfahren ist, soweit ich das beurteilen kann, abgeschlossen – rechtlich korrekt – und an eine Bildungsreform im Bereich der Universitäten, die ausnahmsweise nicht mit Studiengebühren oder Einsparungen zu tun hat, wird gar nicht erst gedacht.